Das Geschenk der Wüste
- utawunsch
- 18. Nov.
- 3 Min. Lesezeit
„Ich bin aus der Wüste zurückgekehrt. Und was bleibt, ist eine stille Wahrheit: Alles hat seine Zeit. Und manchmal braucht es nur Weite und Sand, um das zu begreifen.“
Ich wusste, dass die Wüste mir guttun würde. Aber ich hatte vergessen, wie sie das tut. Nicht mit großen Erkenntnissen, sondern mit einer besonderen Art von Stille. Einer Stille, die nicht leer ist, sondern klar. Sie nimmt einem nichts ab, aber sie zeigt einem alles.
Schon am ersten Morgen, bevor die Sonne über den Dünen stand, war da dieses vertraute Gefühl: dass ich atmen kann, ohne dass etwas an mir zieht. Dass ich einfach sein darf, ohne erklären zu müssen.
Die Luft war bereits warm, während die Kamele auf uns warteten. Ich hatte vergessen, wie angenehm es ist, nicht ständig etwas „müssen“ zu müssen. Die Schritte der Tiere, der leichte Wind, das knirschende Geräusch des Sandes – all das fühlte sich an wie ein Wiedererkennen.
In der Wüste habe ich wieder gespürt, wie wenig wir wirklich brauchen.
Ein Stück Schatten. Etwas Wasser. Einen Platz, an dem man sich hinsetzen kann.
Und Menschen – ja. Aber nicht unbedingt Menschen, die schweigen.
Tanja hat den ganzen Tag geredet. Erzählt, kommentiert, geschwärmt. Bedeutung gefunden, wo es keine gab. Manchmal wie ein Springbrunnen, der nicht weiß, wie man ihn abstellt.
Und trotzdem: Es war gut so. Denn jeder darf dort sein, wie er ist.
Alles kann – nichts muss. Das war schon immer unser Motto.
Ich habe mir diesmal mehr erlaubt als sonst: Still zu sein. Allein zu sein. Nicht alles zu fotografieren. Nicht reagieren zu müssen. Ein anderer meinte irgendwann, das wirke arrogant. Und ich sagte nur:„Dann lass mich arrogant sein.“
Es war kein Trotz. Die Wüste schenkt jedem das, was er gerade braucht – und manchmal ist das schlicht Ruhe. Die Art von Ruhe, die man sich im Alltag selten zugesteht.
Tagsüber war die Hitze gnadenlos, aber sie nahm mir etwas ab, das ich oft vergesse: den Drang, immer weiter zu wollen. Die Sonne zwingt einen zur Einfachheit. Zur Ehrlichkeit. Zum langsamen Dasein.
Abends verändert sich alles. Wenn die Hitze weicht und das Licht weich wird, kommt eine Weite über das Land, die man nicht erklären kann. Etwas in mir wurde weit und ruhig. Eine Ruhe, die nachklingt, lange nachdem man den Sand aus den Schuhen geklopft hat.
Nach Einbruch der Dunkelheit bekommt die Wüste ihre eigene Stimme.
Nicht laut – eher ein leises Flüstern, das nur wahrnimmt, wer hinspürt.

Dann tauchen die Tiere auf. Ein Fuchs, der plötzlich vor uns stand, neugierig und zugleich vorsichtig, als würde er mit uns aushandeln, wem die Nacht eigentlich gehört.
Und am nächsten Morgen eine zarte, geschwungene Spur im Sand – das Zeichen eines Skorpions, der unter dem Sternenhimmel seine Wege gezogen hatte.
Solche Momente vergisst man nicht.
Sie erinnern daran, dass wir nur Gäste sind –
und dass die Wüste uns trotzdem willkommen heißt.

Wir liefen über Gestein, das einmal Meeresboden war – achtzig Millionen Jahre alt. Die Wüste trägt Zeit in sich wie ein Geheimnis. Man sieht den Lauf der Welt unter den eigenen Füßen und begreift plötzlich Dinge, für die man zu Hause keine Worte findet.
Unter dem Sternenhimmel wurde mir wieder bewusst, wie fragil alles ist – und gleichzeitig wie vollkommen. Jede Sternschnuppe zog eine lange, klare Bahn, als würde sie ihr ganzes Leben in einem einzigen Moment entzünden.
Auch ein Stern findet irgendwann ein Ende – leuchtend.
Keine Tragik. Kein Drama. Nur ein Übergang.
Vielleicht ist das die größte Lehre der Wüste: Dass alles seine Zeit hat. Dass Veränderungen nicht immer Schmerz bedeuten. Und dass Loslassen kein Verlust ist, sondern manchmal ein Heimkommen.
Wir halten im Leben so oft fest – aus Angst, sonst nichts mehr zu haben. Doch in der Wüste wird klar, wie wenig es wirklich braucht. Und wie befreiend es ist, sich nicht ständig sorgen zu müssen.
Das Einzige, was wirklich zählt, ist da zu sein. Wirklich da. Im eigenen Leben. Mit einem klaren Blick und einem ruhigen Atem.
Seit meiner Rückkehr schwingt etwas in mir anders. Nicht laut, nicht spektakulär – eher wie ein neuer Grundton. Ein bisschen tiefer, ein bisschen wahrer vielleicht.
Manchmal reicht ein stiller Moment, um zu spüren, was ich dort wiedergefunden habe:
Mich selbst. Ohne Rollen. Ohne Erwartungen. Einfach nur da.
Die Wüste nimmt dir nichts, was du brauchst. Sie nimmt dir nur das, was dich unnötig schwer macht.
Und genau deshalb gehe ich irgendwann wieder zurück. Bestimmt bald.
Vielleicht ist das das eigentliche Geschenk der Wüste – dass sie bleibt, selbst wenn man längst zurück ist.
Eure Noa Zahira






















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