Zwischen Erlösung und Wahnsinn
- utawunsch
- 16. Juni
- 2 Min. Lesezeit
Die dunkle Seite des Idealismus in Extraction
Gedanken zu meiner Geschichte „Extraction“Von Noa Zahira
„Ich brauche meine Erinnerungen. Wie auch immer ihr das anstellt. Ihr dürft mich nicht von meinem Extrakt trennen.“– Wayne in Extraction

Was, wenn das Monster, das wir bekämpfen wollen, unser eigener Schatten ist? Was, wenn wir glauben, im Dienst der Menschheit zu handeln – und dabei nur unsere Angst vor Kontrollverlust kaschieren? Was, wenn unsere Sehnsucht nach einer besseren Welt uns zu Tätern macht – ausgerechnet dann, wenn wir das Beste im Sinn haben?
Diese Fragen treiben die Handlung meiner Kurzgeschichte Extraction voran. Im Zentrum steht Doktor Miller – ein Mann mit einer großen Vision: das menschliche Leid durch technische Mittel zu beseitigen. Sein Mittel: die Extraktion des Unterbewusstseins. Was wie ein Fortschritt erscheint, wird zum Albtraum.
Die Illusion vom Guten
Die sogenannten „Pinkys“, Menschen, denen das Unterbewusstsein entzogen wurde, verlieren nicht nur Erinnerungen – sie verlieren sich selbst. Was bleibt, ist ein leerer Blick, ein Wrack, eine Hülle.
Besonders eindrücklich: Die Szene, in der Waynes Extrakt – eine groteske, warm leuchtende Hasengestalt – sich als lebendiger, unkontrollierbarer Teil seines Wesens zeigt. Er schützt Wayne, erinnert ihn, ist Ursprung und Spiegel zugleich.
Doch Wayne – und später auch Tom – sind nicht bloß Opfer. Sie sind Mitspieler in einem System, das den Fortschritt über alles stellt. Miller sieht sich als Retter. Doch sein Wunsch, das Böse zu beseitigen, führt genau dorthin: zur Entmenschlichung.
Die große Frage
„Extraction“ ist keine einfache Geschichte. Sie will verstören. Sie will wachrütteln. Und sie stellt eine zentrale Frage, die mich lange beschäftigt hat – auch aus meiner Zeit als Ärztin:
Müssen wir alles tun, was wir können?
Die Möglichkeiten wachsen. Technisch. Medizinisch. Psychologisch. Aber wächst auch unsere Verantwortung im gleichen Maß? Oder wächst nur die Hybris?
Die Geschichte erinnert an Werke wie Hüter der Erinnerung oder 1984, in denen Realität manipuliert, Kontrolle vergötzt und Moral geopfert wird. Und sie erinnert an reale Irrwege der Wissenschaft, wo Ethik zum Störfaktor wurde.
Geschichten als Echo
Extraction ist keine Antwort. Es ist ein Echo. Eine Ahnung. Eine Warnung vielleicht. Kein Zeigefinger. Keine These.
Nur eine Geschichte, die den Raum öffnet für das, was sonst leicht übersehen wird:Das, was wir mit uns selbst tun, wenn wir zu viel mit anderen tun dürfen.
Ich glaube: Geschichten dürfen das. Sie dürfen flüstern, wo andere schreien. Zweifel säen, wo andere Gewissheit liefern. Und manchmal reicht das schon.
Mehr, als man denkt.
Noa Zahira





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